Theorie des sozialen Lernens (Akers)

Die Theorie des sozialen Lernens besagt, dass kriminelle Verhaltensweisen dann erlernt werden, wenn die positiven Konsequenzen, die normabweichendes Verhalten nach sich ziehen, stärker wirken als die positiven Konsequenzen, die normkonformes Verhalten nach sich ziehen.

Hauptvertreter

Ronald L. Akers und Robert L. Burgess

Theorie

Bezug nehmend auf Sutherlands Theorie der differenziellen Assoziationen stellt sich Akers Theorie des sozialen Lernens die Frage, wie erlernt wird.

Die Antwort darauf ist zum einen die Berücksichtigung des Prinzips des Beobachtungslernens nach Bandura, vor allem jedoch die Annahme, kriminelles Verhalten werde durch das Prinzip der operanten Konditionierung erlernt.

Demnach ist das Erlernen krimineller Verhaltensweisen davon abhängig, ob diese differentiell verstärkt werden – ob also auf ein abweichendes Verhalten ein positiver Reiz erfolgt oder ein negativer Reiz ausbleibt – oder ob sie vielmehr bestraft werden bzw. konforme Verhaltensweisen mehr verstärkt werden als kriminelle Verhaltensweisen.

Entscheidend ist daher vor allem, welche verstärkenden Konsequenzen auf abweichendes Verhalten zur Verfügung stehen, wie wirksam jene sind, wie intensiv und häufig sie auftreten, und wie wahrscheinlich es ist, dass sie auf das gezeigte Verhalten auch tatsächlich folgen.

Akers Theorie wurde daher in ihrer Erstveröffentlichung (zusammen mit Burgess) auch als Theorie der differentiellen Verstärkung bezeichnet. Die Namensänderung macht jedoch deutlich, dass neben dem Konzept der operanten Konditionierung Akers später auch das Prinzip des Modelllernens berücksichtigte. Demnach kann die Beobachtung von Handlungen anderer und ihren Konsequenzen ebenso zu einer Verstärkung des eigenen Verhaltens führen: Die Belohnung einer beobachteten Person für deren Verhalten wirkt insofern verstärkend, indem das beobachtete Verhalten nun selbst durchgeführt wird.

Ein direkter sozialer Interaktionsprozess ist (im Gegensatz zu Sutherlands Theorie) hier also nicht zwingend erforderlich, da auch nicht-soziale Situationen (z.B. über Medien) verstärkend wirken können. Jedoch schließt sich Akers insofern Sutherland an, indem auch bei ihm erstmals gezeigte kriminelle Verhaltensweisen (ob sie nun anschließend verstärkt werden oder nicht) zumeist durch den Kontakt zu einem kriminellem Umfeld entstehen.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass Akers Theorie des sozialen Lernens die Grundüberlegung Sutherlands als Ausgangspunkt nimmt (s. obere Ebene im Schaubild), diese um die Idee des Modell- bzw. Beobachtungslernens erweitert (s. untere Ebene im Schaubild), und schließlich den Prozess, wie kriminelle Verhaltensweisen erlernt werden, durch das Prinzip der operanten Konditionierung erklärt (s. mittlere Ebene im Schaubild).

Dadurch unterscheidet sie sich trotz einiger Übereinstimmungen doch grundlegend von Sutherlands Theorie der differenziellen Assoziation: Nicht der Kontakt zu kriminellen Personen ist die Ursache für Kriminalität, sondern die Verstärkung / Belohnung abweichender Verhaltensweisen.

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Kriminalpolitische Implikationen

Akers Theorie des sozialen Lernens impliziert zunächst die gleichen kriminalpolitischen Forderungen wie die Theorie differenzieller Assoziationen, jedoch kommen zwei entscheidende Aspekte hinzu, die in der Verhaltenstherapie durch Konzepte wie die token economy versucht werden, zu berücksichtigen:

Erstens muss versucht werden, kriminelle Handlungen mit solchen negativen Konsequenzen zu belegen, dass diese die positiven Konsequenzen überwiegen. Im Umkehrschluss müssen konforme Handlungen so belohnt werden, dass deren negative Folgen in den Hintergrund treten. Die Kriminalpolitik muss also sowohl die Verstärkung krimineller und die Bestrafung konformer Verhaltensweisen verhindern als auch die Bestrafung krimineller und die Belohnung konformer Verhaltensweisen unterstützen. Eine politische Verwandtschaft mit der rational choice theory ist hier nicht zu übersehen.

Zweitens muss der Einfluss der Massenmedien auf das individuelle Verhalten berücksichtigt und gegebenenfalls durch staatliche Zugriffe eingegrenzt werden. Theorien wie die von Akers legen somit für die andauernden Diskussionen um die Wirkung von sogenannten „Killerspielen“ oder gewalttätigen Kinofilmen die theoretischen Grundlagen.

Entscheidend bleibt dabei aber zu erwähnen, dass nach Burgess und Akers die reine Beobachtung eines Verhaltens nicht zu deren Imitation führt (so jedoch bei Gabriel Tarde). Vielmehr muss das Verhalten und dessen positive Folgen beobachtet werden. Ein brutaler Film, in dem der Gewalttäter aber schlussendlich zu lebenslanger Haft verurteilt wird, wäre demnach wenig bedenklich.

Kritische Würdigung / Aktualitätsbezug

Akers gelingt es, die bei Sutherland noch zu vermissenden Prozesse und Mechanismen des sozialen Lernens theoretisch einzubinden, jedoch kann auch er die prinzipiellen Einwände gegen den lerntheoretischen Ansatz (partielle Tautologie, individuell unterschiedliche Lernfähigkeit, Nicht-Berücksichtigung von Affektverbrechen) nicht auflösen.

Zu würdigen ist zwar somit die theoretische Fortentwicklung durch die Berücksichtigung der Prinzipien des Beobachtungslernens und der operanten Konditionierung. Allerdings misslingt auch bei Akers der Versuch, eine reine Lerntheorie als allgemeingültige Kriminalitätstheorie darzustellen.

Immerhin kann die behavioral ausgerichtete Psychologie direkt an Akers Thesen anschließen, indem sie das Zeigen konformer Verhaltensweisen durch die Belohnung solcher Handlungen trainiert. Problematisch stellt sich jedoch die kriminalpolitische Schlussfolgerung auf der Makro-Ebene dar, die Verstärkung von kriminellen Verhaltensweisen müsse verhindert werden, da aus dieser Forderung nicht deutlich wird, wie diese Verhinderung stattfinden soll.

Offensichtlich ist etwas, was für den einen als Verstärker fungiert, für den anderen weniger positiv zu beurteilen. Welche Konsequenzen sollen nun verhindert, welche hervorgerufen werden?

Primärliteratur

Weiterführende Literatur