Cultural Criminology

Die Cultural Criminology ist keine Kriminalitätstheorie im engeren Sinne. Es handelt sich hierbei vielmehr um eine im angelsächsischen Sprachraum entstandene Theorieströmung, die in Anlehnung an die Cultural Studies und an Kritische Krimnalitätstheorien Devianz und Phänomene der Kriminalitätskontrolle als einen interaktionistischen, symbolvermittelten Prozess begreift.

Hauptvertreter

Jeff Ferrell, Mike Presdee, Keith Hayward

Theorie

Cultural Criminology untersucht und beschreibt Kriminalität und Formen der Kriminalitätskontrolle als kulturelle Erzeugnisse. Kriminalität und Akteure der Kriminalitätskontrolle werden als kreative Konstrukte begriffen, die Ausdruck in symbolvermittelten kulturellen Praktiken finden. Mitglieder von Subkulturen, Kontrollagenten, Politiker, staatliche und private Sicherheitskräfte, Medienproduzenten wie -rezipienten, Wirtschaftsunternehmen und weitere gesellschaftliche Akteure schreiben diesen kulturellen Praktiken Bedeutungen zu, die zur sinnstiftenden und rechtfertigenden Grundlage des eigenen Tuns werden. Die Cultural Criminology sieht ihre Aufgabe in der Analyse dieses nicht endende Prozesses des Deutens, Re-Interpretierens und De-Konstruierens.  Die Cultural Criminology versteht sich dabei nicht als Kriminalitätstheorie im engeren Sinne, sondern vielmehr als Paradigma oder perspektivischer Zugang zu Phänomenen der Kriminalität und Kriminalisierung unter besonderer Beachtung von Bildern, Symbolen, Darstellungen und Selbstinszenierungen.
Analog zum Anspruch der Cultural Studies, die wechselseitigen, symbolvermittelten Beziehungen zwischen  Akteuren aufzuzeigen und zu analysieren, verortet sich die Cultural Criminology als qualitativ orientierte Sozialwissenschaft, die auf die Methoden der Ethnographie und Text- und Inhaltsanalyse zurückgreift.
Aus dem oben skizzierten Selbstverständnis der Cultural Criminology ergeben sich vier große thematische Schwerpunkte (vgl. Ferrell, 1995):

  1. Kriminalität als Kultur
    Deviante Subkultur sind gekennzeichnet durch ein System von Symbolen (Slangausdrücke, Erscheinung, Style – „stylized presentation of self“ (Ferrell, 1999). Die Zugehörigkeit zu einer Subkultur bedingt die Fähigkeit, dieses System an kollektiven Codes und Praktiken mit konstruieren und dekonstruieren zu können. Die symbolvermittelte Kommunikation findet zudem häufig außerhalb von face-to-face Interaktionen statt (z.B. Hacker, Graffiti-Sprüher, Drogenkuriere etc.).
  2. Kultur als Kriminalität
    Dieses Themenfeld beinhaltet die Kriminalisierung von Kulturprodukten und den Kunstschaffenden. Im Mittelpunkt der Analyse steht hierbei zum Einen die Unterscheidung zwischen der sog. Hochkultur (also Kulturformen, die vorrangig bei herrschenden Gesellschaftsschichten Anklang finden) und in Abgrenzung die Populärkultur. Eine Kriminalisierung von Kulturprodukten und -formen betrifft überwiegend die Populärkultur. Es gibt jedoch vereinzelte Beispiele, bei denen eine Kriminalisierung auch Kunstprodukte der sog. Hochkultur betreffen (z.B. Fotografien von Robert Mapplethorpe und Jock Sturges werden als pornographisch gebrandmarkt). Zum Anderen sind von dieser Stigmatisierung und Kriminalisierung überwiegend Kunstschaffende betroffen, die gesellschaftlichen Minoritäten oder Subkulturen angehören (z.B. Punkmusiker, farbige Rapmusiker, schwul-lesbische Künstler usw.).
  3. Mediale Konstruktion von Kriminalität und Kriminalitätskontrolle
    Als dritter großer Themenschwerpunkt widmet sich die Cultural Criminology ferner der Analyse von wechselseitigen Wirkungsmechanismen von Medien und dem Justizsystem. 

    Anknüpfend an die Arbeiten von Howard S. Becker zur „Moral Entrepreneurship“ (1963) und Albert Cohen (1972/1980) zu seinem Konzept der Moral Panics und der Konstruktion von Folk Devils wird die Medienberichterstattung über Kriminalitätsphänomene analysiert. Vor allem das wechselseitige Abhängigkeitsverhältnis von Medien und Strafverfolgungsorganen steht hierbei im Mittelpunkt. Während sich die Medien auf Aussagen und Daten stützen, die von Polizei und Gerichten zur Verfügung gestellt werden, transportieren die aus diesen Informationen resultierenden Medienberichte die gelieferte (erwünschte) Lesart. Zudem spielt dieses Abhängigkeitsverhältnis eine Rolle in Bezug auf das sog. „agenda setting“ – also diese Festlegung, welchen Kriminalitätsphänomenen ein Nachrichtenwert zugebilligt wird und – ebenso relevant – welchen Phänomenen und Ereignissen keine mediale Aufmerksamkeit geschenkt wird. Als ein letzter Aspekt in diesem Themenschwerpunkt, dem die Cultural Criminology gezielt Beachtung schenkt, ist schließlich noch die mediale Konstruktion von Kriminalität als Unterhaltungsprodukt anzuführen.

  4. Politische Dimension von Kultur, Kriminalität und Cultural Criminology
    Als viertes großes Themenfeld widmet sich die Cultural Criminology der Analyse der Machtbeziehungen, in denen Medien, soziale Kontrolle sowie Kultur und Kriminalität stehen: 

    • Deviante Subkulturen werden zum Gegenstand stattlicher Überwachung und Kontrolle oder aber unterliegen einem Prozess der Kommodifizierung und werden zum Gegenstand der hegemonialen Kultur.
    • In „cultural wars“ streiten alternativer Kunstbetrieb und etablierte Kunstschaffende über den ästhetischen Wert der Werke, erklären alternative Kunst zu Verbrechen und gehen gegen die Kunstschaffenden vor. Die Zensur von politisch motivierter(n) Kunst(-schaffenden) stellt den Extremfall dieser Auseinandersetzungen über die hegemoniale Deutung von Ästhetik dar.
    • Massenmedien gelingt durch eine Fokussierung oder aber Ausblenden bestimmter Themen eine Fokussierung auf Verbrechen und Formen der sozialen Kontrolle. In einer Allianz mit dem staatlichen System der Verbrechenskontrolle werden Themenfelder trivialisiert oder dramatisiert und somit ein gewünschter Diskurs/ politische Agenda gestützt.
    • Die Fernsehlandschaft konstruiert in Realtity-Shows, Gerichtsdokus und Krimiserien „hundreds of tiny theatres of punishment“ (nach Focault in Cohen 1979: 339), in denen ethnische Minoritäten, Anhänger jugendlicher Subkulturen, Schwule und Lesben die Bösewichte spielen, denen die gerechte Strafe zukommt.
    • Cultural Criminolgy macht die subkulturellen Gegenbewegungen zum Thema, an denen sich gesellschaftliche Kritik und Widerstand zeigt und die ihrerseits wiederum Gegenstand von Gegenbewegungen sind (Widerstand als Gegenbewegung zur hegemonialen Kultur aber auch als thrill-seeking activity).

Schlüsselbegriffe

Transgression/ Carneval of Crime/ Edgework
In nahezu allen Gesellschaften findet man ritualisierte und im unterschiedlichen Maße institutionalisierte Formen des Exzesses. Vom im Alten Ägypten begangenen Fest des Osiris, zum griechischen Fest zu Ehren des Dionysus, zu Feierlichkeiten im alten Rom zu Ehren der Gottheiten Kalends und Saturnalia bis hin zum noch heute begangenen Karnevalszeit (deren direkte Ursprünge bis ins Mittelalter zurückreichen) ist allen diesen Festivitäten gemein, dass ein institutionalisierter Freiraum geschaffen wird. Während dieser festgelegten Zeitspanne sind sonst geltende Normen und Herrschaftsbeziehungen aufgehoben: Klassenunterschiede, Geschlechterunterschiede und die soziale Ordnung wird auf den Kopf gestellt (Narr wird zum König, Laien predigen als Bischöfe, die Frauen stürmen das Rathaus und übernehmen die Regierung etc.). Sämtliche irrationalen, sinnlosen und ordinären Verhaltensweisen sind legitim und die Beteiligten müssen keine Sanktionen fürchten.

"Pleasures of the body" (hier: Karneval in Rio)

Die Zeit des Karnevals ist eine Zeit der Entgrenzung, Ekstase und des Exzesses, die der dominanten Haltung der Begrenzung und  Vernunft gegenübersteht. Die Autoren der Cultural Criminology argumentieren, dass diese ritualisierten Zeiten der Entgrenzung in modernen Gesellschaften an Bedeutung und Kraft verloren haben und allenfalls noch als kommodifizierte Bestätigung der herrschenden Ordnung dienen können.

Stattdessen haben postmoderne Gesellschaften eine Reihe von kulturellen Praktiken und Aktivitäten hervorgebracht, denen ein karnevalesker Charakter anhaftet (Satireveranstaltungen im Fernsehen, body modification, S&M Praktiken, Raves, Konsum von weichen Drogen/ Partydrogen, Gangrituale, Festivals, Extremsportarten, z.T auch politische Demonstrationen, Joyrides (Reclaim your streets)- Aktivitäten sind nicht originär karnevalesk aber beinhalten Elemente des performativen Vergnügung und opponieren der herrschenden Haltung nach Vernunft und Nüchternheit.

Verstehende Soziologie/ Kriminologie
Der Begriff der verstehenden Soziologie/ Kriminologie geht zurück auf den deutschen Soziologen Max Weber. Im Mittelpunkt der verstehenden (oder auch: interpretativen) Soziologie/ Kriminologie steht das soziale Handeln. Soziales Handeln ist konstitutiv für gesellschaftliche Entwicklung. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen die handelnden Akteure und ihre jeweiligen Sinnkonstruktionen, die ihren Handlungen zugrunde liegen. Aufgabe der verstehenden oder interpretativen Soziologie/ Kriminologie besteht in der Analyse dieser subjektiven Sinnkonstruktionen und ihrer Dekonstruktion unter Einbezug der sozialen und historischen Rahmenbedingungen.

§1. Soziologie (im hier verstandenem Sinn dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seine Wirkungen ursächlich erklären will. „Handeln“ soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. „Soziales“ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist. (Weber, 1920, Wirtschaft und Gesellschaft)

Style
Der Begriff Style verweist auf die soziologische Theorientradition des symbolischen Interaktionismus‘ (George H. Mead). Nach dem Symbolischen Interaktionismus sind Interaktionen geprägt von Symbolen, die sich vor allem in sozialen Objekten, Beziehungen und Situationen äußern. Die Symbole haben keinerlei Bedeutung an sich. Erst in der Interaktion verständigen sich gesellschaftliche Akteure durch Sprache, Gestik, Mimik über die Interpretation und Bedeutungszuweisung der Symbole. Die Bedeutung eines Symbols bzw. die Deutung der Sinnstruktur dieses Symbols ist gleichbedeutend mit einer Übernahme von Werten und Motiven, die mit der gesellschaftlich vorherrschenden Sinnstruktur eines Symbols einhergeht. Sowohl die Bedeutungsverleihung (also Konstruktion von Symbolen) als auch die Wahrnehmung und Entschlüsselung (also Dekonstruktion) von Symbolen wird im Laufe der Sozialisation eines Gesellschaftsmitgliedes erlernt.

Männer in Zoot Suits, Washington, D.C., 1942

Männer in Zoot Suits, Washington, D.C., 1942

„Style“ im Sinne der Cultural Criminology ließe sich als Ansammlung von Symbolen und ihrer jeweiligen Bedeutungszuschreibung umschreiben. Vor allem (jugendliche) Subkulturen, sind durch ein komplexes System von Symbolen und derer geteilter Sinnzuschreibung gekennzeichnet. Style ist damit weit mehr als eine ästhetische Kategorie. Die Zugehörigkeit zur Subkultur bedingt vielmehr die Kenntnis über die Bedeutung des jeweiligen Symbols und die damit auch Fähigkeit, dieses Symbol gemäß der innerhalb der Subkultur zugeschriebenen Bedeutung zu entschlüsseln (z.B. das „Lesen“ von Graffiti, aber z.B. auch die Bedeutung von bestimmten Sport- und Trainingsjacken als ein Erkennungszeichen für eine Gangmitgliedschaft). Die Konstruktion und Bedeutungsverleihung von Symbolen innerhalb einer Subkultur geschieht häufig in bewusster Abkehr der üblichen, hegemonialen Zuschreibung (z.B. die übergroßen Anzüge der „Zoot Suiter“, siehe Abbildung) und verweist auf die soziale Lage der Subkulturmitglieder und deren Einstellungen bezüglich gesellschaftlich mehrheitlich geteilte Normen- und Wertesysteme.

 

Kriminalpolitische Implikationen

Mit der expliziten Bezugnahme auf die sog. Birmingham School of Cultural Studies und die Tradition der (britischen) Kritischen Kriminologie („New Criminology“) und nicht zuletzt auf die interaktionistische (amerikanische) Soziologie verorten sich die Autoren der Cultural Criminology in einem linken politischen Spektrum. In Übereinstimmung mit Vertretern der Labeling-Theorie, marxistischer und feministischer Kriminalitätstheorien (siehe: Herrschafts- und Gesellschaftskritik) versteht die Cultural Criminology Kriminalität und Kriminalitätskontrolle als das Ergebnis und Folge von Zuschreibungsprozessen. Aus dieser Analyse folgt als kriminalpolitische Implikation vor allem die Abkehr von der punitiven kriminalpolitischen Wende. Anstatt zunehmend weitere Personen(-gruppen) und Handlungen zu kriminalisieren und (zunehmend härter) zu bestrafen, werben die Autoren der Cultural Criminology für ein Verständnis für gesellschaftlich marginaliserte Gruppen und für ein Mehr an sozialer Gerechtigkeit.

Kritische Würdigung/ Aktualitätsbezug

Programm zu vage, keine Methode, Fokussierung auf Individuen – unzureichende Integration mit Marxistischen/ kapitalismuskritischen Theorien

Literatur

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Weiterführende Informationen

Die von Keith Hayward unterhaltene Seite CulturalCriminology.org enthält zahlreiche Verweise auf kulturkriminologisch relevante Publikationen, Filme, Konferenzen und Internetseiten

Podcasts

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Video

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