General Theory of Crime (Gottfredson & Hirschi)

Die Allgemeine Kriminalitätstheorie (General Theory of Crime) erklärt, wie andere Kontrolltheorien auch, die Abwesenheit und nicht das Entstehen von Kriminalität. Dies führt sie auf Selbstkontrolle zurück. Verfügt ein Individuum über wenig Selbstkontrolle, und hat es die Gelegenheit zur Kriminalität, wird kriminelles Verhalten wahrscheinlicher. Da die Gelegenheiten zur Kriminalität weit verbreitet sind, ist mangelnde Selbstkontrolle als hauptsächliche Ursache von Kriminalität anzusehen.

Hauptvertreter

Michael R. Gottfredson und Travis Hirschi

Theorie

Gottfredson und Hirschis General Theory of Crime setzt es sich ausdrücklich zum Ziel, alle Formen von Kriminalität zu erklären. Sie unterscheidet zwischen:

  1. „criminality“ – der Neigung oder Tendenz zum kriminellen Verhalten
  2. „crime“ – der eigentliche Akt, durch den das Gesetz gebrochen wird

Gottfredson und Hirschi erkennen, dass ein Verbrechen nur dann stattfinden kann, wenn die Neigung zur Kriminalität mit einer Gelegenheit zusammentrifft. Da jedoch für die meisten Formen der Kriminalität sich vielfache Gelegenheiten anbieten, ist der entscheidende Faktor jedoch die „criminality“ des potentiellen Täters.

Die Neigung zum kriminellen Verhalten ist Konsequenz niedriger Selbstkontrolle. Diese Selbstkontrolle entwickelt sich früh im Leben eines Menschen. Ein Mangel an Selbstkontrolle entsteht, wenn Eltern ihre Kinder nicht ausreichend beaufsichtigen, deviantes Verhalten bei ihren Kindern nicht erkennen oder nicht angemessen darauf reagieren. Selbstkontrolle kann auch dann nicht ausreichend entwickelt werden, wenn die Eltern selber nicht die entsprechenden Fähigkeiten entwickelt haben.

Personen, die ausreichend Selbstkontrolle entwickelt haben, fällt es leichter, Impulsen, sich kriminell zu verhalten, zu widerstehen. Personen, die ein Mangel an Selbstkontrolle haben, neigen eher dazu im „Hier und Jetzt“ zu leben: Gottfredson und Hirschi beschreiben insbesondere, dass sie nach “Geld ohne Arbeit, Sex ohne Umwerben, Rache ohne verspäteten Prozess” (1990:89) streben.

Des Weiteren, geht niedrige Selbstkontrolle auch mit Eigenschaften wie wenig Gewissenhaftigkeit, wenig Durchhaltevermögen und mangelnder Zuverlässigkeit einher.

Nach Gottfredson und Hirschi erklärt die „General Theory of Crime“ sämtliche Formen von Kriminalität, in jedem Zeitalter, sowie viele andere Formen des devianten Verhaltens.

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Kriminalpolitische Implikationen

Die General Theory of Crime als auch die Bindungstheorie konzentrieren sich in ihrer Erklärung von deviantem Verhalten auf die soziale Kontrolle, die von Institutionen auf das Individuum ausgeübt wird. Sie unterscheiden sich voneinander vor allem darin, dass sie den Institutionen zu verschiedenen Zeiten im Lebenslauf eines Menschen besondere Bedeutung zumessen.

Während die Bindungstheorie von einer fortlaufenden Bedeutung der Institutionen im Leben eines Menschen ausgeht, sind sie in der General Theory of Crime vor allem die frühen Lebensjahre wichtig.

Die kriminalpolitischen Implikationen der beiden Theorien sind daher ähnlich, aber nicht identisch. Ziel bei beiden Theorien ist es, diejenigen Institutionen zu stärken, die die soziale Kontrolle herstellen. Kontrolltheorien werden daher auch als Grundlage für soziale Programmen der Kriminalitätsprävention verwendet. Dazu gehören Programme, die darauf zielen, Jugendliche stärker in konventionelle Aktivitäten einzubinden sowie Programme, die Eltern schon früh bei der Erziehung ihrer Kinder unterstützen.

Die kriminalpolitischen Implikationen von Kontrolltheorien stehen daher vor allem für Präventions- und Erziehungsmaßnahmen, die den Fokus auf die Stärkung der Gemeinschaft legen. Um deviantem Verhalten vorzubeugen, ist bei der Erziehung die Betonung von bürgerlichen Werten wichtig. Diese können zum Beispiel in Bildungseinrichtungen vorgelebt und verkörpert werden.

Kontrolltheorien bilden jedoch auch die Grundlage des ‚Right Realism‚ in der Kriminologie. Dies lässt sich wohl damit erklären, dass die Stärkung von Familie und die starke Orientierung an klassischen Werten auch rechts-gerichteter Politik ähnelt. Allerdings führen sie im ‚Right Realism‘ nicht zu der Schlussfolgerung, dass Kriminalität am besten durch soziale Programme und Unterstützung von Familien vorzubeugen sei.
Kontrolltheorien sind weiterhin wichtig für Ansätze von Restorative Justice. Reintegrative Shaming nach John Braithwaite enthält viele Grundlagen der Kontrolltheorien.

Kritische Würdigung und Aktualitätsbezug

Empirisch hat sich in verschiedenen Untersuchungen ein Zusammenhang zwischen Selbstkontrolle und deviantem Verhalten feststellen lassen. Bei einer 2000 durchgeführten Meta-Analyse von insgesamt 21 Studien stellten Pratt und Cullen fest, dass Selbstkontrolle im Schnitt 19% Varianz bei deviantem und kriminellem Verhalten ausmacht. Auch Akers und Seller (2004) kamen bei einer Sichtung der verschiedenen Studien zu einem ähnlichen Ergebnis. Sie bescheinigen der Kontrolltheorie, dass es einen schwachen bis mittelstarken Zusammenhang zwischen Selbstkontrolle und deviantem Verhalten gibt (Akers & Seller 2004).

Empirisch nicht belegbar ist jedoch die Behauptung Gottfredson und Hirschis, dass sich alle Formen von Kriminalität mit dieser Theorie erklären lassen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass mangelnde Selbstkontrolle nicht als einzige Ursache von Kriminalität gesehen werden kann. Manche Kritiker gehen so weit, die General Theory of Crime als tautologisch zu bezeichnen und werfen ihr zirkuläres Argumentieren vor (Akers and Sellers 2004). Wenn niedrige Selbstkontrolle als mangelnde Fähigkeit definiert wird, der Versuchung zum devianten Verhalten zu widerstehen und dann selbiger Mangel an Selbstkontrolle als Ursache von Kriminalität angesehen wird, dann ist die Theorie in der Tat tautologisch. Gottfredson und Hirschi definieren das Konzept von Selbstkontrolle nur in Zusammenhang mit Kriminalität. Demnach sagt die Theorie aus: Kriminalität entsteht dann, wenn Individuen den Hang haben, sich kriminell zu verhalten. Um diesem Problem zu entgehen, wäre es nach Akers und Sellers notwendig, eine umfassendere Definition von Selbstkontrolle zu entwickeln.

Literatur

Primärliteratur

Sekundärliteratur