Age Graded Theory/ Turning Points (Sampson and Laub)

[auch bekannt unter: Age-Graded Life-Course Theory of Crime, Age-Graded Development Theory, Theorie der turning points]

Robert J. Sampson und John H. Laub beschreiben mit ihrer age-graded theory den Kriminalitätswerdegang im Lebenslauf. Hierzu ziehen sie die sogenannten ‚Turning Points‘, Lebenswendepunkte, heran, die kriminelles Verhalten entweder verstärken, abschwächen oder unterbrechen können.

Hauptvertreter

Robert J. Sampson und John H. Laub

Theorie

Sampson und Laub entwickelten die so genannte age-graded theory im Jahre 1993 und vertraten die Meinung, mit ihr zu beweisen, dass Kriminalität im Lebenslauf einer Person nicht unabdingbar konstant verlaufen muss. Hierfür bedienten sie sich der Daten des Ehepaars Sheldon & Eleonore Glueck (siehe: Glueck & Glueck) und machten eine Metaanalyse ihres erhobenen Materials. Diese untersuchten die Lebensläufe von 500 jugendlichen, männlichen Delinquenten, die sich in den 30er Jahren aufgrund ihrer Vergehen in einer Erziehungsanstalt befanden. Ihre empirische Studie beinhaltete Daten über jeden Mann, welche zum 14., 25. und 32. Lebensjahr gesammelt wurden. Um das abweichende Verhalten im weiteren Lebenslauf dieser Männer erklären zu können, suchten sie die noch lebenden Probanden von damals auf, die sich mittlerweile in den späten 60ern befanden, um über ihren kriminellen Werdegang nach dem 32. Lebensjahr Kenntnisse zu gewinnen. Aufgrund deren Erzählungen in Interviews und dem dokumentierten Verhalten in der Vergangenheit teilten sie die Probanden drei Kategorien zu:

  1. Persisters: Personen, die ihre kriminelle Karriere auch im Erwachsenenalter fortführten
  2. Desisters: Personen, die ihre kriminelle Karriere beendet haben
  3. Zigzag criminal career: Personen, bei denen die kriminelle Karriere keine Kontinuität aufwies und ab und dann Anwendung fand.

Daraus schlussfolgerten sie, dass abweichendes Verhalten im Lebenslauf durch Kontinuität SOWIE Veränderung gekennzeichnet ist.
Der Grund, warum Kriminalität entstehe, seien schwache soziale Beziehungen: ‚social capital’. Die Art und Stärke dieser variiert im Entwicklungsverlauf mal mehr und mal weniger und somit ist das ‘social capital‘ veränderbar. Besondere Bedeutung wird hier den informellen Bindungen wie Freundschaften oder Nachbarn zugesprochen. Wenn man bereits soziales Kapital besitzt, wäre es noch einfacher, noch mehr davon zu erlangen.
Hauptaugenmerk dieser Kriminalitätstheorie liegt auf den so genannten turning points, Wendepunkten, die durch soziale Bindungen, wobei es sich hierbei nicht um institutionelle Anbindungen handelt, hervorgerufen werden. Es sind vielmehr soziale Bindungen wie Heirat, das Eintreten in den Militärdienst und/oder einen festen Arbeitsplatz, die im gleichen Zuge soziale Kontrolle mit sich bringen. Durch eine Heirat oder das Eingehen eines festen Beschäftigungsverhältnisses geht eine Person informelle Verpflichtungen ein und anhand der Biografien der Delinquenten wurde festgestellt, dass sich die vermehrte Kontrolle positiv auf das abweichende Verhalten auswirkt. Dennoch kann die Kriminalität durch solche Wendepunkte auch zunehmen. Es kommt immer auf die Art der Anbindung an. Bei dem Ausstieg aus der kriminellen Karriere handelt es sich in den meisten Fällen um einen langen Prozess. Dennoch ist ein abrupter Prozess auch möglich.

Die Ursachen für Kinder und Jugenddelinquenz sehen Sampson und Laub in folgenden Punkten:

  • Schwache Familien- und Schulanbindung
  • Einflüsse durch Peers und Geschwister
  • Die Stärke der Bindung wird durch sozial-strukturelle Faktoren und die individuellen Eigenheiten des Kindes geprägt.

Bezüglich Erwachsenendelinquenz sind fehlende oder geschwächte Bindungen, sowie eine kumulative Kontinuität als Ursachen zu sehen.
Anhand der von ihnen erhobenen Biografien und den ergänzenden eigenen Interviews zeigten Sampson & Laub, dass Delinquenz nicht immer permanent in einem Lebensverlauf vorhanden sein muss. Durch vermehrte soziale Kontrolle ist ein Mensch weniger frei, sich abweichend zu verhalten. Selbst Langzeitstraffällige können durch bestimmte Wendepunkte ihre kriminelle Karriere hinter sich lassen.

Kriminalpolitische Implikationen

Sampson und Laub stehen mit ihrer Theorie für ein resozialisierendes Strafrecht. Während Hirschi oder Moffit den Übergang zu Delinquenz an einen bestimmten Zeitpunkt oder eine bestimmte Zeitspanne festmachen, erklärt die age-graded theory, dass es bezüglich der kriminellen Entwicklung im Lebenslauf immer Veränderungen geben kann.
Somit kann theoretisch jedem, auch schweren Langsträflern, durch die richtige soziale Bindung der Weg in ein straffreies Leben geebnet werden.

Kritische Würdigung / Aktualitätsbezug

Sampson und Laub zählen als die Forscher mit der größten empirischen Studie über kriminelle Lebensläufe. Ihre Ausführungen sind leicht verständlich und nachvollziehbar, dennoch bleiben diverse Fragen unbeantwortet. So fehlt unter anderem die Erklärung, warum die Einen ihr Verhalten durch die Wendepunkte verändern und warum es andere nicht tun. Die Individuen, die die gleichen Wendepunkte erleben, sich jedoch anders verhalten, müssen sich in irgendeiner Art und Weise, die noch zu erforschen ist, voneinander unterscheiden. Des Weiteren fehlt die Erklärung, welche Faktoren feste Bindungen z.B. an einen Arbeitsplatz oder in der Familie ausmachen und erklären. Der Theorie kann eine gewisse Oberflächlichkeit vorgeworfen werden.
Weiterhin basiert die Studie nur auf einem rein männlichen Sample. Über die Kriminalität von Frauen werden somit keine Aussagen getroffen. Die Aussagen sind also keineswegs allgemeingültig.
Auch in der heutigen Zeit werden Faktoren wie ein fester Arbeitsplatz oder eine Partnerschaft als wichtige Unterstützungspunkte bzgl. einer Rückfälligkeit von Straftätern gesehen. So spielt z.B. ein Beschäftigungsverhältnis, welches einen routinierten Tagesablauf sowie soziale Kontrolle mit sich bringt, nach der Entlassung aus der Haft eine große Rolle. Des Weiteren wird vor Entlassung verstärkt Wert auf kontinuierlichen Kontakt zu Familie und Partnern gelegt, da diese im Idealfall als Unterstützungsfaktoren dienen.

Literatur

Primärliteratur

Weiterführende Informationen

Video

Interview with John Laub and Robert Sampson — The Stockholm Prize in Criminology

John Laub, Director, Director, National Institute of Justice
Robert Sampson, Henry Ford II Professor of the Social Sciences, Harvard University
NIJ Conference 2011
June 20-22

 

Robert J. Sampson und John H. Laub wurden 2011 für ihre Arbeit zur Age Graded Theory mit dem Stockholm Price in Criminology ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es:

Jury Motivation
The authors of the longest life-course study of criminal behavior ever conducted, Laub and Sampson discovered that even very active criminals can stop committing crimes for good after key “turning points” in their lives. In their sample of 500 male offenders born in the 1920s, these turning points included marriage, military service, employment, and other ways of cutting off their social ties to their offending peer group.
These findings have had broad influence in criminology world-wide. They have also influenced the policy debate about criminal justice and sentencing policy, especially concerning the potential for rehabilitation. Their work has influenced other scholars to search for means by which offenders can be assisted to break their links to other offenders, such as by moving to new communities.

Quelle:http://www.criminologyprize.com

KrimpediaWikipediaEyeplorerJSTORGoogle Scholar