Power-Control-Theory (Hagan)

Die Power Control Theorie von John Hagan erklärt Unterschiede in den  Kriminalitätsraten bei Männern und Frauen. Sie führt diese darauf zurück, dass Mädchen und Jungen in Familien unterschiedlich erzogen werden. Währende Jungen mehr Freiheit haben und dadurch eher zu Delinquenz neigen, werden Mädchen stärker reglementiert. Dadurch entwickeln sie mehr Selbstkontrolle und neigen auch als Erwachsene weniger zu Delinquenz und Risiko-Verhalten.

Hauptvertreter

John Hagan

Theorie

Die Power Control Theorie integriert feministische Theorien, marxistische Theorien und Kontroll-Theorien um unterschiedliche Kriminalitätsraten bei Männern und Frauen zu erklären.

Grundlage der Power Control Theorie ist die Grundannahme der Kontroll-Theorien, dass nicht deviantes sondern angepasstes Verhalten erklärt werden muss. Jeder Mensch würde sich deviant Verhalten, wenn er oder sie nicht durch soziale Kontrolle davon abgehalten  würde. Für die Power Control Theorie ist es vor allem die Familie, die schon früh im Leben eines Menschen Kontrolle ausübt. Fehlt diese Kontrolle, entsteht eine größere Freiheit und Auswahl an Verhaltensmöglichkeiten.  Abhängig vom Erziehungsziel entwickelt jeder Mensch ein gewisses Maß an Selbstkontrolle (siehe: General Theory of Crime). Dadurch wird er oder sie dazu bewegt sich auch in solchen Situation an Normen zu halten, in denen keine direkte Kontrolle besteht. Deviantes Verhalten ist also dann am wahrscheinlichsten, wenn nicht ausreichend Selbstkontrolle entwickelt wurde.

Mit dieser Theorie lenkt Hagan seinen Blick nun auf Geschlechter- und Machtverhältnisse. Er untersucht dabei die Machtverhältnisse die innerhalb von Familien herrschen und unterscheidet zwischen patriarchalischen, matriarchalischen und egalitären Familien.
Die Machtposition der einzelnen Familienmitglieder leitet Hagan aus ihrer Berufstätigkeit außerhalb der Familie ab. Ist nur ein Ehepartner berufstätig, hat er oder sie mehr Macht, Möglichkeiten und Ressourcen als der andere. In klassischen, patriarchalischen Familien ist der Partner mit mehr Macht der Mann. Mädchen werden schon früh in die ‚unterlegene‘ Rolle herein-sozialisiert und sind intensiverer Kontrolle ausgesetzt als Jungen. Diesen wird mehr Freiheit zugestanden, wodurch sie mehr delinquentes Verhalten ausüben können.

In Familien die egalitärer sind, verändert sich diese Form der Sozialisation, und Mädchen haben mehr Freiheit. Dadurch neigen auch sie eher zu Risiko-Verhalten und zu Delinquenz. Jungen hingegen zeigen in egalitären Familien jedoch weniger delinquentes Verhalten, weil sich auch die Rollenerwartung die an sie gestellt wird, verändert.

Hagan und seine Kollegen, die ihre Überlegungen anhand von empirischen Untersuchungen immer weiter verfeinerten, fanden heraus, dass der Wandel zu egalitäreren Familienstrukturen sich am meisten auf die Beziehungen zwischen Müttern und Söhnen auswirkt. Wenn Frauen mehr Macht übernehmen, verändert sich auch die Art der Erziehung für Jungen. Bei Jungen wird weniger Risiko-Verhalten verstärkt. Dadurch neigen Jungen in egalitären Familien weniger zur Delinquenz als Jungen in patriarchalischen Familien.

Kritische Würdigung und Aktualitätsbezug

Hagans Power Control Theorie lenkt ihren Blick auf ein vernachlässigtes Thema der Kriminologie, nämlich auf die Frage, warum Männer so viel häufiger als Täter auffällig werden als Frauen. Empirische Untersuchungen bestätigen die Zusammenhänge zwischen Familienstruktur und Neigung zur Delinquenz. Die Power Control Theorie leistet damit die wichtige Aufgabe, politische Strukturen und Erklärungsansätze zu kombinieren, die auf das Individuum bezogen sind. Sie zeigt, dass es kein Zufall ist, wie einzelne Individuen sozialisiert werden und wie viel Selbstkontrolle sie aufbauen. Ganz im Gegenteil: Die Rolle von bestimmten Gruppen innerhalb einer Gesellschaft wird in Familien reproduziert und es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Gesellschaftlichen Strukturen und Familienstrukturen.

Die Power Control Theorie hat jedoch einige Limitationen. Insbesondere kann sie nicht erklären, wie genau sich die gesellschaftliche Position von Individuen auf deren Erziehungsstil auswirkt. Die Unterscheidung zwischen den drei Familientypen ist sehr statisch und vernachlässigt Schichtzugehörigkeit komplett.  Zudem kann mit diesem Modell das Verhalten von Kindern aus atypischenFamilien (z.B. alleinerziehenden Müttern) nicht erklärt werden.

Morash und Chesney-Lind (1989, 1991), zwei weitere feministische TheoretikerInnen, kritisieren Hagans Fokus auf Kontrolle in der Sozialisation von Mädchen. Sie stellen die Gegenthese auf, dass Frauen weniger delinquentes Verhalten zeigen, da sie in eine Rolle hinein sozialisiert werden, die fürsorglich und pro-sozial ist.

Literatur

Primärlitereatur

  • John Hagan, A. R. Gillis, and John Simpson, „Class in the Household: A Power-Control Theory of Gender and Delinquency,“ American Journal of Sociology, 92 (1987): 788-816.
  • John Hagan, A. R. Gillis, and John Simpson “Feminist Scholarship, Relational and Instrumental Control, and a Power-Control Theory of Gender and Delinquency“ http://www.jstor.org/stable/590481?seq=2

Sekundärliteratur

  • Merry Morash and Meda Chesney-Lind, „A Reformulation and Partial Test of the Power Control Theory of Delinquency,“ Justice Quarterly, 8:347-377, 1991.

Weiterführende Informationen

Interessante Beispiele, wie Kindern schon früh Geschlechter-Rollen anerzogen werden, finden sich auf dem Blog „Sociological Images“:

Sociological Images: Gendered Toy Advertising

In diesem Video schaut sich TheSecondCityNetwork die Nachricht,  die in Disney-Filmen (hier „Die Schöne und das Biest“) an Mädchen vermittelt wird:

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