Herrschafts- und Gesellschaftskritik



Herrschaftskritischen Theorien ist die Vorstellung gemein, dass sowohl Kriminalitätsraten als auch gesellschaftliche Prozesse der Kriminalisierung Ausdruck gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnissen bzw. der Ungleichverteilung von Ressourcen sind.
Konflikte werden ihnen zufolge hauptsächlich dafür genutzt, um Gesetze, aber auch einige Formen von kriminellen Verhaltensweisen zu erklären. Die Konflikttheorien tragen mit ihrer Herrschaftskritik zur Entfernung der Neutralität des Staates bei. Kriminalisierung ist hier als Mittel der Mächtigen dargestellt, um die sozial Benachteiligten weiterhin unterdrücken und sozial deklassieren zu können. Auch die Gesellschaftskritischen Theorien suchen die Ursache für Kriminalitätsphänomene in der Interaktion zwischen Personen oder Systemen, in der Kriminalität definiert und zugeschrieben wird.

Konflikttheorien entstanden im Zuge der Kritik, dass die Kriminologie zu stark auf die Frage , warum Menschen Gesetze brechen, fokussiert sei anstatt die Gründe, warum bestimmte Taten als illegal definiert sind, zu hinterfragen.

Konflikttheorien betonen eine pluralistische Perspektive, – eine von mehreren Gruppen innerhalb einer Gesellschaft, die unterschiedlich stark ausgeprägte Macht ausüben. Konflikttheorien basieren somit auf einer pluralistischen Sichtweise von Macht.

Kriminalität ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Ungleichheit. Diese Ungleichheit tritt in besonderem Maße im kapitalistischen Wirtschaftssystem zutage. Während es den Mächtigen zu vielfältigen kriminellen Möglichkeiten verhilft, stärken die Mächtigen ihre Position durch die Kriminalisierung der beherrschten Akteure. Ein spezifisches Machtgefälle besteht zwischen Mann und Frau in den patriarchalisch geprägten Gesellschaften. Dieses strukturell verankerte Machtgefälle muss bei der Erklärung von Kriminalität bzw. Viktimisierung Beachtung finden.

Demnach gibt es unterschiedlich interessierte Gruppen, die Gesetze formen und ihre Ausführung beeinflussen. Konflikte werden primär dazu genutzt, um Rechte und das Handeln der Strafjustiz zu erklären. Zudem haben sie die Erklärung mancher Formen von kriminellem Verhalten zum Inhalt. Für einige Soziologen ist die Aussage, dass diejenigen, die die Macht haben, Gesetze, die in ihrem Interesse sind, durchsetzen werden, die die Grundlage für die Erklärung von kriminellem Verhalten. Ob Taten als legal oder illegal bezeichnet werden, entscheiden allein die politisch Mächtigen.
Ausgangspunkt: In der Gesellschaft gibt es keinen Konsens über grundlegende Werte und Ziele. Normen sind Ausdruck der Herrschaft einer Klasse über die andere. Kriminalität ist demnach das Produkt von Konflikten zwischen verschieden mächtigen Gruppierungen der Gesellschaft. Kriminalität als konflikthaltiger Prozess entspricht somit dem Vorgang der Kriminalisierung und hat die Durchsetzung von Machtansprüchen gegen Widersacher zum Inhalt.

Als Lösungsansatz müssten daher nicht die Menschen an sich, sondern das System geändert werden.
Austin Turk, William Chambliss und Richard Quinney waren die ersten Vertreter, die die konfliktorientierten Ansätze für die Kriminologie nutzbar gemacht haben.

Kontext

Bereits die 1938 von Merton publizierte Anomietheorie geht davon aus, Kriminalität sei die Folge des ungleichen gesellschaftlichen Zugangs zu Ressourcen. Jedoch rückt Merton die amerikanische Mittelschicht in den Mittelpunkt seiner theoretischen Überlegungen. Die Ziele und verfügbaren Ressourcen der (weißen) Mittelschicht werden zum Reflexionspunkt für abweichendes Verhalten – Kriminalität so zu einem vornehmlichen Problem der Unterschicht.
Es ist sicherlich kein Zufall, dass die hier abgebildeten herrschafts- und gesellschaftkritischen Theorien in den 1960-70 Jahre formuliert wurden bzw. eine große Popularität erlebten.  In den USA aber auch in Europa traten zu dieser Zeit soziale Bewegungen in Erscheinungen, die vorherrschende Machtverhältnisse hinterfragten und gleiche Rechte für bislang marginalisierte gesellschaftliche Gruppen einforderten. Parallel zu diesen gesamtgesellschaftlichen  Umbrüchen wandte sich die amerikanische Kriminologie von den Überlegungen zur Anomie- und Straintheorien, die die wissenschaftliche Debatte Jahrzehnte lang dominiert hatte ab. Kriminalität wurde erstmals als Folge sozialer Konflikter zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Akteuren aufgefasst.

Marxistische Kriminalitätstheorien begreifen kriminelle Handlungen als Ergebnis des ungleich verteilten Zugangs zu Kapital. Kriminalität ist hiernach sowohl Instrument der Macht- und Mittellosen gegen die Mächtigen als auch Instrument der Mächtigen zur Bewahrung ihrer Position.

Edwin M. Lemert beschreibt das Konzept der sekundären Devianz, wonach die Benennung der Abweichung einen Prozess in Gang setzt, in dessen Verlauf der Abweichler etikettiert und ein Aufschauklungsprozess in Gang gesetzt wird. Das gesellschaftliche Etikett „deviant“ wird in das Selbstbild des Abweichlers übernommen.

Anknüpfend an diese Überlegungen beschreibt Howard S. Becker den Prozess der Kriminalisierung von Drogengebrauchern. Die gesellschaftlich mächtige „Moralunternehmer“ kreieren ein gesellschaftliches Problem, das es ihnen erlaubt „Außenseiter“ (Outsiders) zu benennen, die kontrolliert und sanktioniert werden müssen; währenddessen wird ihre eigene gesellschaftliche Position untermauert und gestärkt.

Die Labeling-Theorien erfahren eine weitere Ausformulierung und inhaltliche Zuspitzung. Der Radikale Labeling-Ansatz rückt die selektive gesellschaftliche Reaktion auf eine Tat in den Fokus: Kriminalität ist ausschließlich das Ergebnis eines Zuschreibungsprozesses.

Die Sozialkonstruktivistische Kriminalitätstheorie von Scheerer und Hess versucht, eine herrschaftskritische Kriminalitätstheorie in ein allgemeines soziologisches Handlungsmodell zu integrieren. Die makrosoziologische Betrachtung der Ursachen von Kriminalität (in Tradition der Labelingtheorien) werden mit mikrosoziologischen Handlungsmodellen verknüpft.