Herrschafts- und Gesellschaftskritik



Herrschaftskritischen Theorien ist die Vorstellung gemein, dass sowohl Kriminalität wie auch gesellschaftliche Prozesse der Kriminalisierung Ausdruck gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnissen bzw. auf eine Ungleichverteilung von Ressourcen zurückzuführen ist.

Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Feststellung, dass kein „natürlicher“ gesellschaftlicher Konsens über grundlegende Werte und Ziele existiert. Normen sind vielmehr Ausdruck der Herrschaft einer Klasse über die andere. Kriminalität ist demnach das Produkt von Konflikten zwischen verschieden mächtigen Gruppierungen der Gesellschaft. Während das gesellschaftliche Machtgefälle den Einen Handlungsspielräume für eine „Kriminalität der Mächtigen“ verschafft, werden Andere (bzw. deren Handlungen) durch Zuschreibungsprozesse (Kriminalisierung) als deviant und kriminell etikettiert.

In Abgrenzung zu ätiologischen Erklärungsansätzen für Kriminalität sehen die herrschaftskritischen Theorien die Ursachen nicht bei den einzelnen Menschen und ihrem Verhalten, sondern als Konsequenz einer ungleichen Ressourcenverteilung.

Konflikttheorien entstanden im Zuge der Kritik, dass die Kriminologie zu stark auf die Frage fokussiert sei, warum Menschen Gesetze brechen, anstatt die Gründe zu hinterfragen, warum bestimmte Handlungen als illegal definiert sind.

Konflikttheorien betonen eine pluralistische Perspektive, d.h., Gesellschaft wird als ein Zusammenschluss heterogener Gruppen gedacht, die unterschiedlich stark ausgeprägte Macht ausüben.

Kriminalität ist Ausdruck gesellschaftlicher Ungleichheit. Diese Ungleichheit tritt in besonderem Maße im kapitalistischen Wirtschaftssystem zutage. Während es den Mächtigen zu vielfältigen kriminellen Möglichkeiten verhilft, stärken die Mächtigen ihre Position durch die Kriminalisierung der beherrschten Akteure. Ein spezifisches Machtgefälle besteht zwischen Mann und Frau in den patriarchalisch geprägten Gesellschaften. Dieses strukturell verankerte Machtgefälle muss bei der Erklärung von Kriminalität bzw. Viktimisierung Beachtung finden.

Austin Turk, William Chambliss und Richard Quinney waren die ersten Vertreter, die die konfliktorientierten Ansätze für die Kriminologie nutzbar gemacht haben.

Kontext

Bereits die 1938 von Merton publizierte Anomietheorie geht davon aus, Kriminalität sei die Folge des ungleichen gesellschaftlichen Zugangs zu Ressourcen. Jedoch rückt Merton die amerikanische Mittelschicht in den Mittelpunkt seiner theoretischen Überlegungen. Die Ziele und verfügbaren Ressourcen der (weißen) Mittelschicht werden zum Reflexionspunkt für abweichendes Verhalten – Kriminalität so zu einem vornehmlichen Problem der Unterschicht.
Es ist sicherlich kein Zufall, dass die hier abgebildeten herrschafts- und gesellschaftkritischen Theorien in den 1960-70 Jahre formuliert wurden bzw. eine große Popularität erlebten. In den USA aber auch in Europa traten zu dieser Zeit soziale Bewegungen in Erscheinungen, die vorherrschende Machtverhältnisse hinterfragten und gleiche Rechte für bislang marginalisierte gesellschaftliche Gruppen einforderten. Parallel zu diesen gesamtgesellschaftlichen Umbrüchen wandte sich die amerikanische Kriminologie von den Überlegungen zur Anomie- und Straintheorien, die die wissenschaftliche Debatte Jahrzehnte lang dominiert hatte ab. Kriminalität wurde erstmals als Folge sozialer Konflikte zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Akteuren aufgefasst.

Marxistische Kriminalitätstheorien begreifen kriminelle Handlungen als Ergebnis des ungleich verteilten Zugangs zu Kapital. Kriminalität ist hiernach sowohl Instrument der Macht- und Mittellosen gegen die Mächtigen als auch Instrument der Mächtigen zur Bewahrung ihrer Position.

Edwin M. Lemert beschreibt das Konzept der sekundären Devianz, wonach die Benennung der Abweichung einen Prozess in Gang setzt, in dessen Verlauf der Abweichler etikettiert und ein Teufelskreis in Gang gesetzt wird. Das gesellschaftliche Etikett „deviant“ wird in das Selbstbild des Abweichlers übernommen, der sein Verhalten zukünftig diesem Selbstbild anpasst.

Anknüpfend an diese Überlegungen beschreibt Howard S. Becker den Prozess der Kriminalisierung von Drogengebrauchern. Die gesellschaftlich mächtigen „Moralunternehmer“ kreieren ein gesellschaftliches Problem, das es ihnen erlaubt, „Außenseiter“ (Outsiders) zu benennen, die kontrolliert und sanktioniert werden müssen; währenddessen wird ihre eigene gesellschaftliche Position untermauert und gestärkt.

Die Labeling-Theorien erfahren eine weitere Ausformulierung und inhaltliche Zuspitzung. Der Radikale Labeling-Ansatz rückt die selektive gesellschaftliche Reaktion auf eine Tat in den Fokus: Kriminalität ist ausschließlich das Ergebnis eines Zuschreibungsprozesses.

Die Sozialkonstruktivistische Kriminalitätstheorie von Scheerer und Hess versucht schließlich, eine herrschaftskritische Kriminalitätstheorie in ein allgemeines soziologisches Handlungsmodell zu integrieren. Die makrosoziologische Betrachtung der Ursachen von Kriminalität (in Tradition der Labelingtheorien) werden mit mikrosoziologischen Handlungsmodellen verknüpft.