Two-Path-Theory (Moffitt)

Antisoziales Verhalten wird durch ein neurologisches Defizit und/ oder den Kontakt zu delinquenten Peers verursacht. Bei der Mehrzahl der Delinquenten handelt es sich um Jugendliche oder Heranwachsende, deren Verhaltensauffälligkeiten von kurzer Dauer sind („adolescence limited offender“). Diese auffälligen Jugendlichen weisen keine neuropsychologisches Defizite auf. Mit Eintritt in das Erwachsenenalter verhalten sie sich in der Regel konform. Im Gegensatz hierzu steht die Gruppe der  sog. „lifecourse persistent offender“, deren gesamte Lebensspanne von Verhaltensauffälligkeiten und Delinquenz geprägt ist. Ihr antisoziales Verhalten ist auf einen neurologischen Defekt zurückzuführen. Während der Phase der Adoleszenz dienen diese verhaltensauffälligen Personen den „adolescence limited offender“ als Rollenvorbilder und verleiten Sie zur Delinquenz.

Die Two-Path-Theorie beruht u.a. auf einer Langzeitstudie zur Kriminalitätsbelastung von 1.000 neuseeländischen Jugendlichen („Die tausend Kinder von Dunedin“ oder „Dunedin-Studie“).

Hauptvertreter

Terrie E. Moffitt

Theorie

Ausgangspunkt für die Überlegungen zur Two-Path-Theory bildet die Feststellung, dass das Alter von Tatverdächtigen in Kriminalitätsstatistiken nicht der Normalverteilung entspricht. Viele Menschen erleben während Ihrer Adoleszenz eine Phase, die durch auffälliges, antisoziales und u.U. auch kriminelles Verhalten bestimmt ist. Kriminalitätsstatistiken weisen die höchsten Kriminalitätsraten für die Altersgruppe der 17-jährigen aus. Die Kriminalitätsbelastung der Anfang 20-jährigen ist um 70% geringer. Deviantes Verhalten beschränkt sich bei den meisten Menschen auf eine relativ kurze Lebensphase, die den Übergang zum Erwachsenenalter kennzeichnet (Adoleszenz). Terrie Moffitt bezeichnet diesen Täter-Typus als adolescence limited offender.

Adolescence Limited Offender vs. Lifecourse Persistent Offender
Im Gegensatz zum adolescence limited offender weisen Kriminalitätsstatistiken Personen aus, die immer wieder und u.U. über ihre gesamte Lebensspanne durch deviantes und kriminelles Verhalten auffallen. Diese Personen bezeichnet Moffitt als lifecourse persistent offender. Kriminalitätsraten bilden dabei nur polizeilich erfasste Devianz ab. Bereits vor dieser statistischen Erfassung durch Strafverfolgungsbehörden lässt sich jedoch bei den Zugehörigen dieses zweiten Täter-Typus‘ ein Anstieg antisozialen Verhaltens nachweisen.  Das antisoziale, abweichende Verhalten der lifecourse persistent offender ist auf eine neuropsychologische Dysfunktionalität zurückzuführen. Bei ca. 5% aller Kinder sind aufgrund dieser Störung bereits im Kindergarten- und Vorschulalter massive soziale Verhaltensauffälligkeiten festzustellen. Die Eltern dieser derart „beeinträchtigten“ Kinder sind mit ihrer Erziehungsaufgabe überfordert und außerstande erzieherisch entgegenzuwirken. Die fehlschlagenden erzieherischen Maßnahmen beeinträchtigen das Eltern-Kind-Verhältnis; emotionale Bindungen werden dementsprechend als wenig sicher empfunden und die Kinder stoßen vermehrt auf Ablehnung. Die Verhaltensauffälligkeiten bestimmen so die gesamte Lebensspanne der Betroffenen und reichen von antisozialem Verhalten im Kindergarten und Problemen in der Schule bis hin zu kriminellen Auffälligkeiten im Jugend- und Erwachsenenalter.

Maturity Gap und Social Mimikry
Das deviante Verhalten der adolescence limited offender ist strukturell bedingt und rührt aus dem Missverhältnis von eingeforderter Autonomie und den legalen Realisierungschancen dieser Autonomiebestrebungen her. Bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen wie z.B. Autofahren oder der Konsum von (legalen) Drogen markiert den Übergang ins Erwachsenenleben. Diese Handlungen sind jedoch Heranwachsenden in der Regel untersagt. Daraus ergibt sich eine Diskrepanz (Gap) zwischen erwünschtem Status eines erwachsenen, mündigen Gesellschaftsmitgliedes und den gewährten Realisierungschancen (siehe: Anomietheorie).

Während dieser Phase findet Beeinflussung durch die Gruppenmitglieder der  lifecourse persistent offender statt, die aufgrund ihres schon vorhandenen abweichenden Lebensstils als Rollenvorbilder fungieren (drugs, sex and autonomy).  Die kurzzeitige Orientierung der adolescence limited offender am abweichenden Lebensstil der lifecourse persistent offender lässt sich soziale Mimikry (social mimicry) bezeichnen. Sobald die Heranwachsen ein Alter erreichen, in dem ihnen der Zugang zu Objekten, Handlungen und Verhaltensweisen der Welt der Erwachsenen legal gewährt wird (also der Maturity Gap überwunden wurde), verliert der deviante Lebensstil der  lifecourse persistent offender an Reiz.

Kriminalpolitische Implikationen

Nach der Two-Path-Theory ist eine neuropsychiologische Veranlagung in Kombination mit individuellen Umweltbedingungen verantwortlich für ein u.U. zeitlebens andauerndes antisoziales, deviantes Verhalten. Von diesem „Defekt“ sind ca. 5% aller Menschen betroffen, die aber wiedrum für einen Großteil der (durchschnittlich schwerern) Kriminalität verantwortlich sind. Hieraus folgt die kriminalpolitische Implikation durch ein systematische Screening die betroffenen 5% der Bevölkerung zu identifizieren. Sozialtherapeutische Maßnahmen könnten die wenig förderliche Unterstützung durch das Elternhaus kompensieren. Da das antisoziale Verhalten bereits in frühester Jugend feststellbar ist, sind entsprechende Screenings und therapeutische Maßnahmen im Kindergarten- und Grundschulalter vorstellbar. Entsprechende Programme existieren (allerdings ohne expliziten Rückgriff auf die Two-Path-Theory) beispielsweise in Hamburg.

Kritische Würdigung und Aktualitätsbezug

Terrie Moffitts Two-Path-Theory gehört zu den meist rezipierten Kriminalitätstheorien der letzten Jahre. Für Ihre Arbeit wurde Frau Moffitt u.a. 2007 mit dem Stockholm Prize in Criminology ausgezeichnet (s.u.).
Die Stärke der Theorie liegt sicherlich in ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität. So integriert die Theorie Annahmen der lern- und kontrolltheoretischen Ansätze ebenso wie kriminologische Arbeiten zu Karieremodellen  (vgl. z.B. Bindungstheorie, General Theory of Crime, Theorie des sozialen Lernens; Age Graded Theory). Zudem beruht die Theorie auf einer empirischen Datenbasis (s.u. Verweis auf FAZ vom 05.11.2006). Der Erfolg der Theorie mag schließlich auch im Rückgriff auf biologische Erklärungsfaktoren für kriminelles Verhalten begründet sein. Diese Erklärung entspricht zum Einen dem allgemein zu beobachteten Trend einer Medizinalisierug sozialer Probleme, zum Anderen eröffnet sie eine Möglichkeit für eine Prävention der Devianz. Kriminalität (oder genauer: der Deviante) wird hierdurch zu einer kalkulierbaren, durch Screeningtests bestimmbaren Größe, der mit therapeutischen Programmen beizukommen ist.

Literatur

Weiterführende Information

Terrie Moffitt ist Gewinnerin des Stockholm Prize in Criminology, 2007

The 2007 Stockholm Prize in Criminology was awarded to Alfred Blumstein and Terrie E Moffitt for their discoveries about the development of criminal behavior over the life-course of individuals.

The independent, international jury of criminologists selected the winners for their pioneering studies of the patterns of onset, persistence, frequency, severity, and desistance in criminal acts.
http://www.criminologyprize.com/

Video

Die Professoren Terrie Moffitt und Avshalom Caspi analysieren Lebenssituationen von Menschen und suchen nach Zusammenhängen zwischen genetischer Veranlagung und äußeren Einflüssen.

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Professors Terrie Moffitt and Avshalom Caspi, from the Institute of Psychiatry have been awarded the prestigious prize for Productive Youth Development.

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Podcast

Terrie Moffitt: Vortrag anlässlich des Fellowships  der Academy of Political and Social Science
(Die Nutzung dieses Angebotes setzt die Installation des Programms iTunes voraus. Die Software ist hier kostenlos erhältlich.)

Private Webseite von Terrie Moffitt und Avshalom Caspi

Studie: Die tausend Kinder von Dunedin

(FAZ vom 05. November 2006, hier online verfügbar)
Der Studienleiter Richie Poultoun äußert sich zum Anlage-Umwelt-Verhältnis folgendermaßen:

Poulton hat aus den Lebenswegen der Dunedin-Kinder den Zusammenhang von Erbe und Umwelt für sich eindeutig und vage zugleich geklärt: Es ist immer beides. Selbst wenn man eine genetische Disposition zu gewalttätigem Verhalten besitze, seien bestimmte negative Lebenserfahrungen in bestimmten Lebensabschnitten ausschlaggebend, um tatsächlich kriminell zu werden. Gangsterkarrieren lassen sich auch in Zukunft nicht über Speicheltests an Neugeborenen vorhersagen.

Gibt es den geborenen Verbrecher?

Artikel aus der FAZ vom 07.11.2006

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Genetic Basis for Crime: A New Look

Artikel in der New York Times vom 19. Juni 2011 zur Renaissance der bio-sozialen Kriminalitätstheorien (PDF)

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