Biologie



Biologische Kriminalitätstheorien besagen, dass die biologische Beschaffenheit von Menschen darüber entscheidet, ob sie kriminelle Handlungen begehen oder nicht.

Anhand von äußerlichen oder zumindest rein biologischen Merkmalen ließe sich eine Typologisierung von Kriminellen und Nicht-Kriminellen aufstellen, nach der Kriminelle bezüglich ihrer Genetik, Neurologie oder körperlichen Konstitution von den Nicht-Kriminellen zu unterscheiden sei.
Im Vordergrund steht hier also die Betrachtung und Erforschung biologischer Phänomene (z.B. Gene, Hormone, Gehirnanomalien etc.) zur Erklärung krimineller Verhaltensweisen.

Die biologischen Theorien grenzen sich daher entscheidend von jenen (z.B. soziologischen) Theorien ab, welche äußere Faktoren, denen das Individuum ausgesetzt ist, in ihren Ansätzen thematisieren. Viele der (vor allem modernen) biologischen Theorien beziehen Kontext und Umweltbedingungen jedoch auch in ihre Überlegungen mit ein. Man bezeichnet einige dieser Theorien auch als Biosoziale Theorien.

Kontext

Die Geschichte der biologischen Kriminologie ist in vielen Fällen deckungsgleich mit der Geschichte der Kriminologie im Allgemeinen.
So waren über viele Jahrzehnte hinweg die anthropologischen und physiologischen Theorien vorherrschend oder wenigstens in ihren Grundzügen immer Thema in der kriminologischen Diskussion, bevor sie in neuerer Zeit von soziologischen, sozialpsychologischen und ökonomischen Ansätzen überholt wurden.

Kriminelle unterscheiden sich von nicht-kriminellen Personen durch eine Reihe von biologischen und psychologischen Eigenschaften. Modernere Theorien gehen von einem Zusammenspiel von biologischen und sozialen Faktoren aus, die ursächlich für Kriminalität sind – man spricht dann auch von biosozialen Theorien.

Die Kriminalbiologie trat als eigene und selbstständige Wissenschaft erstmals im 19. Jahrhundert in Italien in Erscheinung. Unter dem Einfluss der damals aufkommenden Phrenologie (Schädelkunde) in der Medizin, vor allem aber auch in Anlehnung an Darwins Evolutionstheorie entwickelte Cesare Lombroso das Konzept des geborenen atavistischen Verbrechers. Die darin liegende Vorstellung, Kriminelle aufgrund ihrer körperlichen Merkmale von Nicht-Kriminellen unterscheiden zu können, war eine bewusste Abkehr von der Klassischen Kriminologie und führte zu den ersten Versuchen, die Ursache von kriminellem Verhalten herauszufinden.
Lombroso ging dabei – in Anlehnung an den damals sich mehr und mehr verbreitenden naturwissenschaftlichen Anspruch – positivistisch, d.h. erfahrungswissenschaftlich fundiert und Erkenntnis allein auf diese Weise erlangend vor. Er war somit der erste Kriminologe, der sich der direkten Beobachtung und Messung des Einzelfalls hingab, um dem Ursprung des Verbrechens auf die Spur zu kommen. Für viele Kriminologen gilt er daher als Begründer ihrer Wissenschaft.

Die positivistische Denkweise drückte sich jedoch nicht nur – wie bei Lombroso – rein biologisch-täterorientiert aus.
Vor allem im französischen Sprachraum gab es bereits frühe Überlegungen dazu, welche äußeren Einflussfaktoren Kriminalität hervorrufen oder begünstigen könnten. Neben Gabriel Tarde und Lombroso-Kritiker Alexandre Lacassagne waren hier die so genannten Kriminalstatistiker federführend: André-Michel Guerry und Adolphe Quetelet erfassten Anzahl und Verteilung von Verbrechen durch die Erhebung und Sichtung statistischer Materialien und stellten dabei erstaunliche Regelmäßigkeiten bezüglich Alter, Geschlecht, sozialer Herkunft usw. her.
Lombroso zeigte sich beeinflusst von diesen Statistiken und der darin begründeten Annahme, Kriminalität sei das Ergebnis umweltlicher und gesellschaftlicher Faktoren. Seine Schüler Raffaele Garofalo und Enrico Ferri vertraten indes sogar mehr soziologische, psychische und mehrfaktorielle Ansätze als rein biologisch-anthropologische.
Der deutsche Strafrechtler Franz von Liszt entwickelte schließlich die „Anlage-Umwelt-Formel“, welche von individuell-persönlichen Faktoren einerseits und von unzähligen gesellschaftlichen Faktoren andererseits als additive Bedingungen für kriminelles Verhalten ausgeht. Ähnlich kam die so genannte Vereinigungstheorie von Gustav Aschaffenburg daher.

Nichtsdestotrotz erfreute sich die lombrosianische Kriminalitätstheorie vor allem im deutschsprachigen Raum einer großen Anhängerschaft. Eine Abänderung und Wegentwicklung von der Anthropologie erfuhr sie zur Zeit des deutschen Kaiserreiches: Emil Kraeplin und andere vertraten die so genannte Degenerationsthese, nach der Verbrecher krankhafte und erblich bedingte Abweichler vom Normaltyp seien, wenngleich sie aber keinen eigenen anthropologischen Typ mehr darstellten. Man könne diesen genetischen „typ primitif“ auch nur an psychischen, nicht aber an körperlichen Merkmalen à la Lombroso festmachen.
Sowohl die atavistische als auch die Degenerationsthese wurde in der Weimarer Republik und im Dritten Reich sehr häufig rezipiert und hinsichtlich rassenhygienischer Vorhaben angepasst und missbraucht. So wurden viele ethnische und andere Minderheiten von den Nationalsozialisten als genetisch kriminell und somit unverbesserlich gebrandmarkt. Man empfand sie als minderwertige Schädlinge, denen man jegliches Recht aberkennen könne und müsse. Hauptgestalten dieser Auffassung waren Franz Exner, Edmund Mezger und viele andere. Wissenschaftliche Rechtfertigungen wurden dabei aus Johannes Langes Zwillingsforschung, Friedrich Stumpfls Sippenforschung und vergleichbaren Untersuchungen gezogen, welche anscheinend belegen konnten, dass kriminelle Handlungsmuster ausschließlich mit den Erbanlagen der Menschen erklärbar sind.
Dieses nationalsozialistische Gedankengut schöpfte ihre Kraft aber nicht nur aus den erwähnten genetischen, sondern auch aus rein physiologischen Theorien wie der Konstitutionslehre von Ernst Kretschmer. Solche Ansätze verfolgten das Ziel, kriminelle Verhaltensweisen lediglich mit körperlichen Auffälligkeiten in Verbindung zu bringen oder Kriminalität durch psychopathologische Forschung zu erklären.
Anomalien beim Körperbau und dessen konstitutioneller Beschaffenheit, aber auch Auffälligkeiten im Gehirn oder am Schädel galten als sichere Unterscheidungskriterien zwischen zwangsläufiger Delinquenz und ebenso determinierter Rechtschaffenheit.
Kriminologen wie Hans von Hentig oder Max Flesch lehnten dabei zwar die politisch-rassistische Kriminologie ab, gingen aber ebenso von genetischen bzw. physiologischen Kriminalitätsursachen aus.

Auch aufgrund jenes biologistisch reduzierten Menschenbildes und seinen fatalen Folgen im NS-Regime verlor die biologische Kriminologie nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr an wissenschaftlicher Bedeutung. Gesellschaftsorientierte Ansätze dominieren seitdem die kriminologische Diskussion.
Abgesehen von wenigen Ausnahmen sind moderne biologische Theorien zudem mehrfaktorielle oder zumindest Anlage und Umwelt vereinigende Konzepte – ganz nach den Ideen von von Liszt und Aschaffenburg. Von der Vorstellung, Delinquenz allein durch biologische Abweichungen beim Täter erklären zu können, haben sich die allermeisten Kriminalbiologen und -pathologen gänzlich verabschiedet und bevorzugen so genannte biosoziale Konzepte. Als Beispiel ist hier Terrie Moffits Two-Path-Theory zu nennen.
Auch haben sich die biologischen Theorien seit dem Zweiten Weltkrieg um andere Thematiken erweitert: Neben genetischen und physiologischen Untersuchungen kam es in den letzten Jahrzehnten vermehrt zu biochemischer und umfangreicherer neurologischer Forschung in der Kriminologie. Im Vordergrund standen dabei Untersuchungen des präfrontalen Kortex, des Zentralnervensystems, möglicherweise Kriminalität beeinflussender Neurotransmitter (z.B. Serotonin) und bestimmter Hormone (z.B. Testosteron).
Einen potentiellen Zusammenhang zwischen Physiologie und Kriminalität à la Kretschmer hat indes William Sheldon in seiner Theorie über Körpertypen untersucht. Letztere steht inhaltlich mit den Forschungen des Ehepaars Glueck & Glueck in Verbindung.
Schließlich haben auch die genetischen Fragestellungen zu Kriminalität immer wieder Abnehmer gefunden: Neben neueren Zwillings- und Adoptionsstudien kursierte in den 60er Jahren beispielsweise das Gerücht eines „Möderchromosoms“, wonach eine ganze Reihe an Verbrechern mit einem zusätzlichen Y-Chromosom geboren seien.
Während letztere Theorie fast gänzlich widerlegt werden konnte, bleibt bezüglich biologischer Theorien im Allgemeinen doch festzuhalten, dass sie trotz ihrer Geschichte immer noch Aktualität besitzen und vor allem als biosoziale Hybride einen wertvollen Beitrag zur kriminellen Ursachenforschung leisten können.