Institutionelle Anomietheorie (IAT)

Nach der Institutionelle Anomietheorie (IAT) ist Kriminalität eine indirekte Folge der Dominanz der Wirtschaft über andere gesellschaftliche Teilbereiche.
Wird eine Gesellschaft vornehmlich von wirtschaftlichen Interessen geprägt, durchdringt die Wirtschaftslogik andere gesellschaftliche Institutionen und Teilbereiche  (wie z.B. den Bildungsbereich). Ein utilitaristisch geprägtes Verhalten der Gesellschaftsmitglieder, eine Abnahme der sozialen Kontrolle und ein Anstieg der Kriminalität sind die Folge.

 

Hauptvertreter

Steven F. Messner und Richard Rosenfeld

Theorie

Die Institutionelle Anomietheorie stellt eine Erweiterung Mertons Anomietheorie dar. Messners und Rosenfelds Ansatz geht dabei von einer dem Strukturfunktionalismus entliehenen Gesellschaftsbild aus.  Gesellschaft lässt sich demnach in vier institutionelle Strukturbereiche unterteilen:

  1. Familie (Reproduktion, Pflege/ Unterstützung hilfebedürftiger Personen)
  2. Bildung (Vermittlung von Normen und Werten)
  3. Politik (Überwachung, Steuerung kollektiver Ziele)
  4. Wirtschaft (Produktion und Verteilung wirtschaftlicher Güter)

Jeder dieser Institutionen kommt eine Funktion zu (siehe Verweis in Klammern). Für ein geregeltes Zusammenleben ist ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Institutionen in der Gesellschaft entscheidend. Stehen die Institutionen aber in einem starken Ungleichgewicht und können nicht mehr gegenseitig regulierend aufeinander einwirken, verändern sich kollektive Handlungsmotive, Werte und Ziele und Kriminalität tritt in Erscheinung.

Durch die Überbetonung des ökonomischen Sektors kommt es zu anomischer Kriminalität. In den 80er Jahren im Zuge des Wunschs nach einem freien Markt kam es zur primären und somit überproportionalen Wirtschaftsförderung, welche ein Ungleichgewicht zu den anderen Institutionen zur Folge hatte. In der Gesellschaft entstand ein ungezügeltes Streben nach finanziellem Gewinn,  um dem Druck Wohlstand zu erreichen standzuhalten. Die Beziehungen zu den anderen Institutionen werden immer lockerer und deren Normen und Werte nicht mehr erlernt. Der Fokus liegt auf dem Faktor der Ökonomie. Hieraus entsteht eine Orientierungslosigkeit, denn der Schutz der anderen Institutionen entfällt. Die Folge ist eine anomische Kriminalität.

Den Einfluss der Wirtschaft auf die anderen gesellschaftlichen Institutionen illustrieren Messner und Rosenfeld anhand folgender Entwicklungen:

  1. Devaluation
    Entwertung dessen, was nicht in Verbindung mit Geld steht. Z.B. von Bildung Abstand nehmen
  2. Accomodation
    Sektoren, die nicht mit Ökonomie in Berührung kommen, an wirtschaftlichen Effizienzkriterien messen. Universitäten wie Unternehmen
  3. Penetration
    Durchdringung des nicht ökonomischen Sektors mit der Sprache und Logik ökonomischer Effizienz: Wortprägungen aus dem Finanzsektor finden Einzug in Alltagssprache.

Die Dominanz des ökonomischen Sektors findet auch Ausdruck in der Idee des „American Dream“, wonach materielle Erfolgsziele oberste Priorität haben („Vom Tellerwäscher zum Millionär“). Die IAT verknüpft Mertons Anomietheorie (Erreichung kultureller Ziele – hier: ökonomischer Erfolg) mit kontrolltheoretischen Annahmen (Einflussnahme anderer gesellschaftlicher Teilbereiche).

Kriminalpolitische Implikation

Messner & Rosenfelds Ausführungen zur Anomietheorie lassen auf eine Strategie zur Kriminalitätsreduzierung schließen. Die Bevölkerung müsse demnach mit einem gut ausgebauten ökonomischen Sicherheitsnetz (Sozialhilfe, Rente, Pensionen, gut ausgebautes Gesundheitssystem) ausgestattet werden, so dass man sich mit einem geringeren ökonomischen Status als Andere zufrieden geben würde.

Denkbar ist zudem eine politische und massenmediale Betonung der Sektoren Familie, Bildung und Politik, um die in der Gesellschaft verankerte Überbetonung des Wirtschaftssektors auszugleichen und den Menschen somit andere Lebenszwecke als nur rein ökonomische zu geben.

Kritische Würdigung & Aktualitätsbezug

Der ökonomische Sektor findet auch in der heutigen Zeit eine starke Betonung. Die Regierung wird oftmals in der Rolle, den materiellen Fortschritt der Bevölkerung voranzubringen, gesehen. Auch wenn Familienunterstützungs- und Ausbildungsprogramme, Bildungsreformen und PISA-Studien auf der politischen Agenda stehen findet z.B. auch das Wirtschaftswachstum und die Autoproduktion (derzeit stellt sich die Frage ob wir sogar auf unsere Autos, hergestellt in Japan, warten müssen) auf der Tagesordnung. Im Internet kann man sogar überprüfen ob man ‚genügend‘ verdient (http://www.gehaltsvergleich.com ) und wo man am besten wohnen sollte um mehr zu verdienen. Der Blick auf das höhere Einkommen von Anderen schürt bei einigen den Wunsch nach mehr Geld und Anerkennung.
Zudem zieren brandneue, teure Autos Werbeplakate und in Fernsehen und Radio wird einem ein Hausbau angepriesen. Für die glückliche Familie wird selten auf den Plakatwänden geworben. In der U-Bahn sieht man zwar Werbung für Schulen und Weiterbildungsprogramme, die mit der Wichtigkeit von Bildung werben. – Jedoch mit dem Untersatz, nach Abschluss die Chance auf ein höheres Einkommen zu haben.
Auch reiche Personen wie z.B. Bill Gates werden in der Öffentlichkeit, vor allem in Amerika, als Idole und geschickte Geschäftsleute die viel Geld besitzen, dargestellt. „Bill Gates, Warren Buffett, and Donald Trump are considered national heroes and leaders” (Larry J. Siegel 2009: S.177)

Literatur

 

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Weiterführende Informationen

Theorie, Kritik, empirische Bewährungsprüfung und Fortentwicklung im Zusammenhang einer empirischen Studie zum Haftverlauf von Gefangenen des Jugendstrafvollzugs. –Forschungsprojekt Max-Planck-Institut (1979-1997)

http://www.mpicc.de/ww/de/pub/forschung/forschungsarbeit/kriminologie/archiv/anomietheorien.htm

Empirische Überprüfung der IAT

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