Anomiebegriff (Durkheim)

Durkheim sieht Anomie als einen Zustand der sozialen Desintegration. Aufgrund eines weitreichenden gesellschaftlichen Wandels (hier: Industrialisierung, Einführung des Strukturprinzips der Arbeitsteilung) treten zunehmend gesellschaftliche Differenzierungen zu Tage (z.B. arm – reich, Stadtbewohner – Landbewohner, religiös – säkularisiert usw.). Das Schwinden alter Struktur- und Ordnungsprinzipien schwächt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Als Folge dessen finden allgemeine soziale Regeln keine Beachtung mehr; die kollektive Ordnung löst sich auf und ein Zustand der Anomie tritt zutage. Die Folgen hiervon sind erhöhte Selbstmord- und Kriminalitätsraten.

Hauptvertreter

David Émile Durkheim

Theorie

Durkheims Anomietheorie beschreibt die Auswirkungen der sich im Frühindustrialismus entwickelnden gesellschaftlichen Arbeitsteilung und die ansteigende Selbstmordrate. Demnach wird in Zeiten sozialer Umwälzung das „Kollektivbewusstsein“ geschwächt und bisherige Normen und Kontrollen schwinden. Der Mensch neigt daher zu unerfüllbaren Ansprüchen.

Hauptannahme: Wenn die sozialen Regeln in einer Gesellschaft keine Beachtung mehr finden, wird Abweichung in der Gesellschaft zur Regel und menschliche Triebe nehmen überhand und wandeln sich in anomische Zustände (kriminelles Verhalten). Abweichendes Verhalten findet vor allem bei Personen, die eine ungünstige Position in der Sozialstruktur haben, in der Unterschicht, statt. Als Ursache für die Abweichung führt Durkheim die zunehmende Arbeitsteilung durch die damalige Industrialisierung an. Jeder einzelne entwickelt somit eine eigene Ideologie. Die Einzelnen sind zwar immer noch voneinander abhängig, dennoch tritt der Individualismus in den Vorder- und das kollektive Bewusstsein in den Hintergrund.

Kriminalpolitische Implikation

Offensichtlich muss es nach den Thesen Durkheims politisches Ziel sein, den Zustand der Anomie in einer Gesellschaft zu verhindern. Dies sei dem Staat immerhin möglich, indem für alle Gesellschaftsmitglieder gleichermaßen geltende Werte und Moralvorstellungen erfolgreich vermittelt werden. Wird seitens der Gesellschaft oder des Staates eine eindeutige und unmissverständliche Normgeltung vorgeschrieben, erkennt der einzelne Mensch diese an und verzichtet auf bestimmte Wünsche beziehungsweise schränkt viele seiner Bedürfnisse stark ein.

Voraussetzung dafür ist jedoch zum Einen, dass die Gesellschaftsmitglieder die gesetzten Normen inhaltlich akzeptieren und nicht nur aus reiner Sanktionsfurcht einhalten (Diese Akzeptanz ist jedoch nur bei einer nicht allzu großen Ungleichverteilung von Gütern in der Sozialstruktur zu erwarten). Zum Anderen ist die Stabilität der normsetzenden Gesellschaft Voraussetzung: Wirtschaftliche oder soziale Zusammenbrüche sowie andere Veränderungen in Zeiten sozialen Wandels schwächen das Kollektivbewusstsein und stellen die bisher geteilten moralischen Grundsätze in Frage.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass nach Durkheim die eindeutige und unmissverständliche Vermittlung von Sozialnormen einerseits und die Stabilität wirtschaftlicher und sozialer Faktoren in Gesellschaften andererseits das Ausbrechen von erhöhter Kriminalität verhindern können.

Im Übrigen ist nach Durkheim eine gewisse Anzahl an Abweichungen aber normal und zu allen Zeiten in allen Gesellschaften anzufinden (siehe: Durkheim (1895) Die Regeln der soziologischen Methode)

Kritische Würdigung & Aktualitätsbezug

Durkeims Theorie ist als eine gesellschaftliche Erklärung für normabweichendes Verhalten in einer Zeit zu würdigen, in der die Kriminologie noch in den Kinderschuhen stand.

Sowohl Durkheims ausdrückliche Bezugnahme auf die einsetzende Industrialisierung als auch die Annahme einer gesellschaftsübergreifenden moralischen Orientierung erscheinen heute nicht mehr zeitgemäß. Ohne große Anstrengung und Phantasie ließen sich jedoch z.B. mit der Ökonomisierung und Globalisierung zwei zeitgemäße Strukturprinzipien moderner Gesellschaften benennen, die Ursache ungleicher Verteilung sozio-ökonomischer Ressourcen sind und damit auch Ursache für einen Zustand der Anomie sein können.

Zudem ist Anomie für Durkheim nur als Erklärung überhöhter Kriminalitäts- und Selbstmordraten nützlich, wohingegen das alltägliche Verbrechen und seine Ursachen gar nicht thematisiert werden.

Literatur

Primärliteratur

Sekundärliteratur

 

Weiterführende Informationen

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